Maßanfertigung online für Jede(n)?

Seit fast 20 (!… meine Güte Leute, wo ist die Zeit hin?) Jahren arbeite ich jetzt im Beruf der Maßanfertigung.
Damals in meiner Lehrstätte, später mit meinem eigenen Betrieb vor Ort mit Auszubildenden und Mitarbeitern und jetzt schon seit fast 10 Jahren online als Hersteller unterschiedlichster Onlinekurse.
Die Frage, ob eine Ausbildung auch online funktionieren kann oder ob man anderen Menschen ein Handwerk auch über ein Video beibringen kann, hat erst mich jahrelang selbst beschäftigt und ist heute eine der am häufigsten gestellten Fragen, wenn ich von meinem Beruf erzähle. Als ich vor fast 10 Jahren erklärt habe, dass ich umstelle auf online ausbilden (im weitesten Sinne, meine Ausbildungen sind ja weder zertifiziert noch bei der Handwerkskammer anerkannt, beinhalten aber mein Wissen als geprüfte Ausbilderin und jahrelange Schneiderin), wurde ich nur schief angeschaut und oder für verrückt erklärt.
Unter fast jedem Video oder fast jeder Anzeige, die wir veröffentlichen, finden wir MINDESTENS ein mal den Kommentar, dass es nicht möglich ist, so einen Beruf nur dadurch zu lernen, ein Video anzusehen. Dass es ein Ausbildungsberuf mit einer Lehrzeit von drei Jahren ist, der sicherlich auch nur von einem Meisterbetrieb „korrekt“ vermittelt werden kann. Und ja, da ist sicherlich viel Wahres dran.
Auch ich würde niemals unterschreiben, dass man durch das bloße ansehen eines Videos ein Handwerk lernen kann. Ich sehe und erfahre immer wieder, dass einige das aber anscheinend doch denken und deswegen Missverständnisse aufkommen. Ein Handwerk ist etwas, das man mit der Hand erlernt, nicht durch das bloße visuelle betrachten oder logische verstehen. Das ist Einigen vielleicht tatsächlich nicht ganz so klar.
Zu lernen, die eigenen Maße zu nehmen, ein Schnittmuster selber zu erstellen, abzuwandeln, anzupassen oder zu kombinieren: das kann ich THEORETISCH in einem Video zeigen. Ich kann auch THEORETISCH und sehr anschaulich erklären, wie ich daraus dann die unterschiedlichsten maßgefertigten Designs entstehen lasse. Ob jemand, der das dann sieht und versteht, es auch direkt so umsetzen kann, dass er oder sie direkt zu 100 % happy mit dem Ergebnis ist – das bezweifle ich.
Würde ich jemanden, der gerade angefangen hat zu nähen und froh über seine erste gerade Naht ist, vor ein großes „Abendkleid – Projekt“ setzen – auch wenn die Videos noch so gut gemacht und erklärt sind – was meint ihr, würde das was werden? Würde nach 6 oder 8 Arbeitsstunden das perfekte Abendkleid dabei entstehen „können“?
Ich muss sagen, es gibt einige Talente, die brauchen so ein Video nur riechen und haben das Kleid schon fertig 😉 Aber die Mehrzahl von uns – da sind wir doch mal ganz ehrlich – braucht halt einfach Übung und Zeit. Mut und Ehrgeiz. Und – etwas, was für mich immer ganz wichtig ist: Spaß!
Ich weiß, bei vielen meiner lieben Kundinnen (und Kunden) ist neben Spaß auch ein gewisses Maß an Leidensdruck mit dabei, wenn der Weg zur maßgefertigten Bekleidung in Angriff genommen wird. Shoppingfrust und das Gefühl „nirgendwo richtig rein zu passen“ sind oft ein Auslöser dafür, mit dem Nähen und der Erstellung von eigenen Schnittmustern und Herstellung eigener Designs anzufangen. So war es bei mir ja im Prinzip auch:
Zu lang für alles und dann einen Geschmack, der ganz offensichtlich nicht „an die Stange“ passte. Dazu noch eine relativ hohe Hüfte, die mich bei eng anliegenden Kleidern oder Oberteilen direkt immer aussehen ließ, als hätte ich nen Rettungsring unter jedem Kleid, weil da die vermutete Taille für den Zuschnitt von Massenware ermittelt wurde – furchtbar!!! Kein Wunder, dass ich jahrelang um alles, was auch nur im Entferntesten nach Kleid ausgesehen hatte, einen riiiieeeesigen Bogen gemacht habe. Und Hosen… also von Hosen wollen wir mal gar nicht anfangen… ¾ oder 7/8 war zu der Zeit, in der ich angefangen habe zu nähen auf jeden Fall NICHT in – und ich kam mir immer vor, als wenn mit mir halt einfach irgendwas nicht stimmt. Eine Grundstimmung, die ich bei vielen von euch wieder erkenne.
Nunja, ganz offensichtlich habe ich ja erkannt, dass es auch anders sein kann – und sollte! Nachdem ich eine fast ewige Zeit lang Feinheiten wie „einen Knopf richtig annähen“ gelernt habe (nur knappe zwei Tage!) oder „beide Hosenbeine müssen gleich lang sein, Stoßband einen Millimeter drüber schauen und der Handstich darf auf rechts nicht zu sehen sein“ wurden mein damaliger Chef „Ali“ und ich ein kreatives Dreamteam. Unser Kundenstamm reichte von Berlin über Prag bis nach Amsterdam – die kleine Schneiderei in Weener / Ostfriesland hatte einen so besonderen Ruf (nicht wegen mir 😉, mein „Chef“ Ali war einfach ein ganz besonderes Talent) und wir haben Aufgaben gelöst, an denen 20 andere Betriebe vorher gescheitert waren. Es war einfach phantastisch und wenn ich mich heute daran zurück erinnere, dann fühle ich einen großen warmen Fleck voller Liebe in meinem Herzen. Ali war wirklich ein großer und wichtiger Teil in meinem Leben und für mich eher wie ein „Ersatzpapa“, für den ich wirklich alles gegeben hätte.
Nach meiner Ausbildung habe ich mich selbstständig gemacht und nebenbei noch lange im Betrieb von Ali mit geholfen und gearbeitet. Wundervolle Stunden mit ratternder Nähmaschine, grübelndem Ali und Schubladen voll ALLEM, was man irgendwann mal brauchen könnte, haben mich einen großen Teil meiner „Schneiderkarriere“ begleitet.
Als ich mich mit den kaidso Onlinekursen selbstständig gemacht habe, war das Grundgefühl dieser Ausbildung genau das, was ich an meine Kunden weiter geben wollte. Ein familiäres Umfeld, in dem jeder mit Liebe und Respekt empfangen und behandelt wird. Wo jede Kreativität ihre Freiheit findet und man einfach mal nachfragen kann und Hilfe bekommt, wenn man welche braucht. Eine Umgebung – wenn sie auch teilweise virtuell ist – in der man sich nicht alleine fühle, sondern zusammen etwas weiter entwickeln kann. Ich denke, das hab ich soweit ganz gut hin bekommen 😉
Ich sehe heute, dass es gerade im Bereich der Maßanfertigung nicht wirklich damit getan ist, „nur“ einen Videokurs zu machen. Dass ihr alle es genießt, in unseren Gruppen immer einen Ansprechpartner zu finden. Dass ich und du und ihr und wir ZUSAMMEN kreativ sein wollen. Dass es so wichtig ist, sich nicht „komisch“ oder „falsch“ zu fühlen. Dass wir zusammen wachsen, uns helfen und unterstützen, wo wir nur können. Und dass die Frage, ob eine „Ausbildung zur Maßschneiderin oder zum Maßschneider“ auch einfach mit einem Video beigebracht werden kann mit einem klaren „JEIN“ beantwortet werden kann 😉.
Ich denke, dass vieles einfach in einem Onlinekurs vermittelt und beigebracht werden kann. Dass es aber unglaublich wichtig ist, auch Ansprechpartner zu haben, falls mal was nicht so klappt. Dass man mal ein Video schicken und eine persönliche Anleitung bekommen kann. Dass man sich mit anderen austauschen kann. Dass man die Möglichkeit findet, sich mit anderen zu treffen (wann hat denn schon mal der Nachbar das genau gleiche Hobby?) . Oder – hoffentlich auch bald wieder – einen Workshop vor Ort mit macht, um das eigene Wissen und die eigenen Fähigkeiten zu verbessern.
Was meint ihr? Wie sind eure Erfahrungen?
Wie lange bist du oder seid ihr schon bei den kaidso Onlinekursen? Was habt ihr gelernt? Was gefällt euch am online lernen? Was macht ihr, wenn ihr mal nicht weiter kommt?
Und die allergrößte Frage: Ist es online möglich, ein Handwerk zu erlernen?
Ich drück euch alle und sende euch herzlichste Grüße,
eure Svenja

 

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